Das Wien - E-Book der aktuellen Ausgabe

DAS WIEN POLITIK 13 D er moderne Besprechungs- raum besticht durch Hel- ligkeit. Ein heimischer Wald als eindrucksvolles Wandmotiv de- monstriert gleich, wo man sich im Gebäude des ehemaligen Kriegsministeriums befindet – im Nachhaltigkeitsministerium, wo Land- und Forstwirtschaft eine bedeutende Rolle spielen. Mi- nisterin Elisabeth Köstinger (39) wirkt gut gelaunt. Im Interview mit Harald Raffer spricht die VP-Spitzenpolitikerin über unfai- re Praktiken der Handelsketten, höchst ambitionierte Klimaziele, das Ende der Ölheizungen und den rot-weiß-roten Tourismus. Die gebürtige Kärntnerin kann sich durchaus ein Leben nach der Politik vorstellen. Das Wien: Frau Minister, Sie be- kommen im Juli ein Baby. Wie geht es Ihnen? Köstinger: Ausgezeichnet! Ich habe mich im neuen Job schon sehr gut eingelebt. Diese Arbeit macht viel Freude. Das Wien: Wie lange wird die Ba- bypause dauern? Köstinger: Ich werde natürlich einige Zeit zu Hause verbringen. Unsere Kanzleramtsministerin Ju- liane Bogner-Strauß wird mich in dieser Zeit vertreten. Das Wien: Sie kritisieren unfaire Praktiken der Handelsketten…. Köstinger: Die EU-Kommission hat dazu einen Gesetzesvorschlag vorgelegt. Wir merken, dass es eine massive Übermacht von Handelskonzernen und Lebens- mittelketten gibt - imVergleich zu den vielen Millionen bäuerlichen Familienbetrieben und landwirt- schaftlichen Erzeugern in Euro- pa. Das hat dazu geführt, dass viele diesen Wettbewerbsvorteil ausnützen und unlautere Han- delspraktiken anwenden. Wenn etwa Preise nachverhandelt oder verderbliche Lebensmittel kurz vor dem Ablaufdatum zurückge- schickt werden. Wir hören immer wieder, dass es solche Fälle auch in Österreich geben soll. Ich wer- de mich auf europäischer Ebene dafür einsetzen, dass unlautere Handelspraktiken verboten wer- den, damit es zu fairen Vertrags- bedingungen kommen kann. Das Wien: Sie sind auf einem 12 Hektar großen Bio-Bauernhof im Kärntner Lavanttal aufgewachsen und haben auch den Stall ausge- mistet. Wie kann man das anhal- tende Bauernsterben verhindern? Köstinger: Ich glaube, dass bäuerliche Familienbetriebe im Zentrum der Agrarpolitik stehen müssen. Das hat natürlich mit der Finanzierung der gemeinsamen Agrarpolitik zu tun, wo wir in Ös- terreich mit Sicherheit eine an- dere Politik verfolgen, als andere EU-Länder, die auf Massen- und Billigproduktionen abzielen. Wir gehen schon seit Jahrzehnten ei- nen anderenWeg – da genügt ein Blick auf den Strukturwandel. Un- ser durchschnittlicher bäuerlicher Betrieb umfasst nicht einmal 20 Hektar. Aber jeder einzelne Kon- sument entscheidet jeden Tag mit seinem Griff in das Regal, welches Modell der Landwirtschaft er da- mit unterstützt. Egal, ob es die Fleisch- oder Gemüseproduktion betrifft. Wenn man zu regionalen Produkten greift und es klar er- sichtlich ist, woher diese Produkte kommen, unterstützt man unse- re bäuerlichen Familienbetriebe. Das muss man noch viel stärker ins Bewusstsein der Konsumen- ten verankern. Die Konsumenten fordern immer wieder gentech- nisch freie Bio-Produkte, sind aber oft nicht bereit, dafür einen höhe- ren Preis zu zahlen. Es muss klar sein, dass beispielsweise Fleisch nicht zu diesen Cent-Beträgen produzierbar ist. Um eine gute Qualität und hohe Tierschutzstan- dards zu haben, müssen diese Produkte einen entsprechenden Wert besitzen. Das Wien: Österreichs Bauern sol- len künftig weniger EU-Förderun- gen erhalten. Können wir uns dage- gen wehren? Köstinger: In Österreich würde diese Summe bis zu sechs Pro- zent betragen! Wir werden in sehr harte Verhandlungen gehen und diese vor allem inhaltlich führen. Was die EU-Kommission bei uns vorschlägt, bedeutet nämlich eine Kürzung der Bio-Betriebe, eine Kürzung bei den Agrar-Um- weltprogrammen und den Berg- bauern. Das betrifft die ländliche Entwicklung, die in Österreich ei- nen hohen Stellenwert und eine hohe Priorität besitzt. Wir wer- den diese Kürzung sicher nicht akzeptieren! Da geht es um eine naturnahe und naturschonende „Bäuerliche Familienbetriebe müssen im Zentrum der Agrarpolitik stehen!“ Nachhaltigkeitsministerin Elisabeth Köstinger im großen„Das Wien“-Gespräch. Die VP- Politikerin bekämpft geplante Kürzungen von EU-Förderungen für heimische Bauern. Nachhaltigkeits-Ministerin Elisabeth Köstinger im Gespräch mit „Das Wien“: „Langfristiger Klimaschutz kann nur durch verbindli- che Maßnahmen erfolgreich sein. Die Bundesregierung hat des- halb diesem Thema höchste Priorität eingeräumt.“ Alle erforder- lichen Maßnahmen müssten unter den Aspekten der Ökologie, Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit betrachtet werden. Fotos: BMNT/Paul Gruber Der Konsument entscheidet, ob er unsere Bauern unterstützt. Elisabeth Köstinger

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